24 Jahre coop – Norman Boje
Vorstandsmitglied Norman Boje begleitet die coop schon seit 2002. Der Aufsichtsrat hat ihn nun für weitere fünf Jahre in seinem Amt bestätigt. Damit bleibt eine prägende Person der Genossenschaft an zentraler Stelle verantwortlich.
Was hat sich für dich in den letzten 24 Jahren bei der coop am stärksten verändert – und was ist gleich geblieben?
In 24 Jahren hat sich bei der coop sehr viel verändert – doch das Wichtigste ist geblieben: Die Gemeinschaft. Als ich 2002 angefangen habe, war die coop vor allem im Lebensmitteleinzelhandel aktiv und hatte 10.000 Mitarbeitende. Die Mitglieder standen weniger im Fokus. Ich war damals Personalreferent und für die Zentrale und Teile der Logistik inklusive der Produktion zuständig. Wir haben selber mehrere Tonnen Wurst produziert. Ich war damals schon Vegetarier und insofern unbestechlich [lacht]. Heute betreiben wir kein einziges Lebensmittelgeschäft mehr selbst. Wir haben unser Geschäftsmodell komplett neu ausgerichtet: Die Märkte von früher betreibt unser cooperationspartner REWE und wir konzentrieren uns auf unsere Immobilien und die Förderung unserer Mitglieder. Das heißt, wir sorgen dafür, dass ihr bei über 65 Partnerfirmen – vom Supermarkt bis zum Energieversorger – exklusive Vorteile bekommt. Das ist ein riesiger Wandel, der mir gezeigt hat: Eine Genossenschaft kann sich neu erfinden und trotzdem sie selbst bleiben.
Die Werte der coop haben seit fast 127 Jahren Bestand. In der Gründungszeit hat man sich zusammengetan, um Mitglieder mit fairen Preisen und guten Waren zu versorgen. Denn gemeinsam ist man stärker als allein. Diese Genossenschafts-DNA lebt auch heute in uns: Jede und jeder leistet einen kleinen Beitrag und alle profitieren. Das begeistert mich noch genauso wie am ersten Tag. Und auch, wenn sich unsere Arbeitswelt komplett gedreht hat – von Aktenordnern zu digitale Plattformen, von Siez- zu Duz-Kultur, von Faxgeräten zu Videokonferenzen und Podcasts – geblieben ist der Teamgeist und der Einsatz fürs gemeinsame Ziel.
Gab es ein Highlight in den letzten 24 Jahren bzw. ein prägendes Ereignis?
Da gab es wirklich einige Highlights – hört mal in unserenPodcast rein. Prägend war natürlich der Neustart der coop Mitte 2016. Damals standen wir vor der größten Herausforderung unserer Geschichte: 117 Jahre Tätigkeit im Lebensmitteleinzelhandel fanden ein Ende. Die Rahmenbedingungen im Einzelhandel hatten sich enorm verändert, wirtschaftlich wurde es eng, und wir mussten eine mutige Entscheidung treffen. 2016 haben wir uns als Vorstand und Aufsichtsrat entschieden, unser Supermarktgeschäft in ein Joint Venture mit der REWE Group einzubringen. Das war vor allem emotional für alle kein leichter Schritt – auch rechtlich war es eine Herausforderung. Aber im Rückblick war es die Entscheidung, die unsere Genossenschaft gerettet und in eine neue Zukunft geführt hat.
Plötzlich konnten wir uns voll auf das konzentrieren, was uns wirklich am Herzen liegt: Mehrwerte für unsere Mitglieder schaffen und unser Unternehmen solide für kommende Generationen aufstellen. Dass der Aufsichtsrat mir seinerzeit das Vertrauen schenkte, in den Vorstand einzuziehen und an der Seite meines Vorstandskollegen Dierk Berner die ‚neue‘ coop in gute Bahnen zu lenken, hat mich schon stolz gemacht.
Ein anderer persönlicher Höhepunkt ist ganz aktuell unser ‚coop Quartier‘ in Kiel – unser absolutes Herzensprojekt. Es ist atemberaubend zu sehen, wie auf dem Boden unseres historischen Stammsitzes ein neues Viertel mit 100 Wohnungen (sogar für betreutes und inklusives Wohnen), einem Kindergarten, einem Ärztehaus, modernen Büros und Kiels wohl nachhaltigstem Supermarkt entsteht. Beim Richtfest 2025 haben wir sogar feierlich den alten Backstein-Torbogen unseres ersten Konsumvereinsgebäudes in den Neubau integriert. Gänsehaut! Dieses Projekt verbindet unsere Wurzeln mit der Zukunft – Geschichte und Innovation in Perfektion. Solche Meilensteine bleiben mir als Highlight im Gedächtnis, weil sie zeigen: Die coop kann sich verändern und gleichzeitig ihren Charakter bewahren.
Historischer Torbogen zurück im neuen Gebäude.
Was hat dich damals 2002 überzeugt, zur coop zu kommen – und was hält dich bis heute?
Ich kann mich noch gut an meinen ersten Tag bei der coop im Jahr 2002 erinnern. Ich war noch jung, Anfang 30, und nach einer Station in der Kundenbetreuung einer Online-Bank, war es mein zweiter Job. Die Genossenschaftsidee hatte mich sofort angefixt. Meine Mutter hatte sogar früher schon bei der coop gearbeitet. Die Aussicht, in einem Unternehmen tätig zu sein, das nicht bloß auf den Quartalsgewinn schielt, sondern die Menschen in den Mittelpunkt stellt, fand ich ungemein motivierend. Der Gedanke, Teil einer Gemeinschaft zu sein, in der jede und jeder eine Stimme hat und wir alle gemeinsam an einem Strang ziehen, hat mich überzeugt.
Was mich bis heute hält, ist genau diese Begeisterung, die nie nachgelassen hat. In den letzten 24 Jahren habe ich erlebt, wie verlässlich unsere Gemeinschaft funktioniert, wie unsere Mitglieder und Mitarbeitenden selbst in schwierigen Zeiten zusammengerückt sind. Jeder Tag bei der coop zeigt mir, dass wir mit unseren Werten von Ehrlichkeit, Teilhabe und Solidarität wirklich etwas bewegen – für unser Unternehmen und somit für die Menschen da draußen. Dieses Wissen, Teil von etwas Größerem und Sinnstiftendem zu sein, motiviert mich bis heute jeden Tag und meine Mission ist noch nicht beendet.
Was motiviert dich heute noch, jeden Tag Verantwortung für die coop zu übernehmen?
Ganz klar: die Menschen. Jeden Morgen, wenn ich ins Büro komme – oder im mobilen Arbeiten den Laptop aufklappe – denke ich an die vielen Gesichter hinter der coop. Unsere Mitglieder, aka cooptimisten, und meine Kolleginnen und Kollegen. Es motiviert mich unheimlich, zu sehen, welchen konkreten Unterschied unsere Arbeit im Alltag der Leute macht. Wenn mir etwa ein Mitglied erzählt, dass sie sich jedes Mal freut ein Teil der Gemeinschaft zu sein, wenn sie ihre cooptimistenkarte bei REWE an der Kasse scannt und noch Geld für sich und ihre Familie spart oder, wenn eine junge Kollegin sagt, dass sie sich bei uns ernst genommen und gefördert fühlt – solche Momente geben mir Energie.
Hinzu kommt: Die coop ist über so viele Jahre mein „Baby“ geworden. Ich trage gerne Verantwortung, weil ich weiß, wofür wir das alles tun. Wir fördern nachhaltigen Konsum, schaffen Wohnungen, unterstützen regionale Projekte – das alles ist sinnvoll und wichtig. Klar gibt es stressige Tage – ich warte noch auf die Unstressigen [lacht]. Aber selbst dann spüre ich den Rückhalt unseres Teams und unserer Mitglieder. Ich weiß, warum ich abends noch die Extrameile gehe – nämlich weil ich den Erfolg mit euch teilen kann. Das Vertrauen, das ihr mir als Mitglieder schenkt, spornt mich an, jeden Tag mein Bestes zu geben.
Wie hat sich dein Blick auf Verantwortung und Führung über die Jahre verändert?
Tatsächlich gar nicht so sehr. Meine erste Chefin bei der coop war seinerzeit sehr fortschrittlich. Sie hat alle um sich herum gesehen und gefördert und sich nie in den Mittelpunkt gestellt. Das war damals eine Seltenheit in einer sehr männlich dominierten Führungswelt, wo nur „die Ansage“ zählte. Mein Verständnis von Führung hat sich mit jedem Jahr und jeder Herausforderung weiterentwickelt. Ich habe gelernt: Verantwortung tragen heißt nicht, alles selbst zu tragen. Im Gegenteil – es heißt, ein Team aufzubauen, dem man vertrauen kann, Verantwortung zu teilen und Raum für eigene Ideen zu geben. Wenn man das Ziel verfolgt, sich überflüssig zu machen, ist man in meinen Augen auf dem besten Weg. Außerdem sollte man sich selber nie zu ernst nehmen.
Bei der coop pflegen wir eine moderne Führungskultur: Hier reden wir miteinander statt übereinander, wir duzen uns und hören auf die Ideen der Jüngeren genauso wie auf die Erfahrungen der Älteren. Meine Rolle verstehe ich als eine Art Coach: Die Aufgabe ist es, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, eine Vision aufzuzeigen und dann meinen Kolleginnen und Kollegen das Vertrauen zu schenken, ihren Weg zu gehen. Das hat mich auch persönlich entspannter gemacht. Ich bin zielstrebig, aber ich finde es toll, loszulassen und anderen die Bühne zu überlassen. Dabei kommen die besten Ergebnisse zustande.
Was ist dir für die coop in den kommenden fünf Jahren besonders wichtig?
Ich möchte die coop noch stärker für die Zukunft wappnen – und das mit voller Power. Ganz oben steht für mich, dass wir jünger und digitaler werden, ohne unsere älteren Mitglieder abzuhängen. Konkret heißt das: Wir arbeiten mit Hochdruck an einer Mitglieder-App und weiteren digitalen Angeboten, damit der Zugang zu Infos und euren Vorteilen noch einfacher wird. Gleichzeitig bleibt die persönliche Nähe wichtig – ob im direkten Gespräch, bei Veranstaltungen oder dem Mitglieder-Magazin coUP. Die Kunst ist, modern zu sein und trotzdem unser norddeutsch-bodenständiges Herz zu behalten.
Eine weitere Priorität ist die Weiterentwicklung unserer Immobilien – zeitnah der Abschluss unseres coop Quartiers in Kiel. Wenn bis Mitte 2027 die Mietenden eingezogen sind, Kiels modernster REWE-Markt seine Türen geöffnet hat und wir unsere neuen Büros bezogen haben, möchte ich, dass alle stolz sagen: „Das ist unsere coop, die kriegt sowas hin!“ Dieses Quartier ist ein Leuchtturmprojekt – für nachhaltiges Bauen, für Soziales & Gemeinschaft und als neues Zuhause für unsere Genossenschaft.
Was mir selbstverständlich auch besonders am Herzen liegt sind Nachhaltigkeit und Mitgliedermehrwert. Die Welt verändert sich rasant – ob Klimawandel, demografischer Wandel oder neue Arbeitswelten. Ich will, dass die coop auf all diese Veränderungen die richtigen Antworten findet. Wir werden weiter in erneuerbare Energien und umweltfreundliche Lösungen investieren, sei es durch Solarzellen auf unseren Dächern oder energieeffiziente Gebäudetechnik. Außerdem setze ich mich dafür ein, dass wir immer neue cooperationspartner in relevanten Lebensbereichen gewinnen – vielleicht im Bereich Mobilität oder digitale Dienstleistungen, wer weiß. Wichtig ist: Unsere Mitglieder sollen in fünf Jahren spüren, dass ihre Genossenschaft am Puls der Zeit ist und ihnen echte Vorteile bringt – vom günstigen Einkauf bis zur Dividende, die wir weiterhin Jahr für Jahr ausschütten wollen. Letztere lag zuletzt immer bei 3 %, was wir gerne halten möchten.
Mir ist wichtig, dass die coop in fünf Jahren immer noch eure verlässliche Begleiterin ist – mit ein paar neuen Gadgets im Repertoire.
Wenn du coop in einem Satz beschreiben müsstest – wie würde er lauten?
Die coop eG ist für mich wie ein fast 127 Jahre alter, vitaler Baum – tief verwurzelt in gemeinschaftlichen Werten, aber jedes Jahr voller neuer grüner Blätter an Ideen, um mit euch zusammen weiter zu wachsen.